Persönliche Eindrücke zur Kensanschule
Meine Geschichte zur Kensanschule Sommer 2011
Vor der Kensanschule
Mein Tokkoh liegt schon fast 20 Jahre zurück, auch an zwei
Kensanschulen habe ich noch vor der Jahrtausendwende
teilgenommen. Trotzdem schien mir ein Kensan-Leben, so
wie ich es damals verstanden habe, als zu mühsam und zu
verklemmt. Ich wollte einfach unbedacht drauflosleben, mich
in erster Linie in meinem Beruf verwirklichen und mein
Geschäft zur Blüte bringen. Ich stiess dabei auf viele
Hindernisse, die ich mit viel Mühe versuchte aus dem Weg zu
räumen. Die Hindernisse indes wurden nicht weniger, ich
entwickelte zunehmend Abneigung - mal Frust, mal Wut, mal
Hartnäckigkeit, mal Selbstmitleid. Ich probierte den ganz alltäglichen Irrsinn (mit recht gutem Erfolg),
und mein Leben wurde stetig mühsamer, stressiger, genussloser, vollgestopfter, enger. Schliesslich
fielen mir selbst Dinge, die ich grundsätzlich gern machte, wie musizieren oder Freunde besuchen,
zur Last. Für meine Nächsten wurde mein Nörgeln und Klagen, meine Ungeduld und mein Jähzorn zur
Belastung, und selber fühlte ich mich mies. Natürlich suchte ich nach Verbesserungen, schraubte hier
und da an äusseren Parametern wie Tagesplanung und Arbeitsmanagement, versuchte Positives
Denken, psychologische Beratung und alternative Heilmethoden - das alles brachte nur bescheidenen
Erfolg. So war ich denn auch heilfroh zu hören, dass wieder eine Kensanschule in der Schweiz
stattfinden soll und meldete mich sofort an (bevor mir noch etwas in die Quere kommt...).
Während der Kensanschule
In diesen zwei Seminarwochen konnte ich wieder ich werden. Wie?! Die ersten vier Tage des
intensiven Selbstkensan liessen mich endlich zur Ruhe kommen und öffneten den Zugang, in mich
hinein zu spüren - eine Art Versöhnung mit mir und mit meiner Umgebung. Dazu bedurfte es keinem
Lehrer, keinem Psychologen, keinem Mediziner und keinem Manager - einzig mir selber, der mittels
dreier entscheidender Fragen immer tiefer in sich hineinspürt. Und einer Gruppe Menschen, die das
gleiche versucht, sowie einer Infrastruktur, die den Prozess nicht behindert.
Die anschliessenden Tage des Gruppenkensan und der Kensanarbeiten waren ein stetiges
Ausräumen und Putzen von festgefahrenen Ansichten und Trugschlüssen. Aha - Gehirnwäsche! Ein
arg negativ belasteter Begriff, der leicht zur festgefahrenen Meinung mutiert. Jedoch, was
verschmutzt ist und damit hinderlich wird, das putzen wir doch selbstverständlich, nicht? Warum
sollten wir den Denkapparat davon ausklammern, wenn wir doch merken, dass dessen Kanäle infolge
kontinuierlichen Fehl-Denkens verkrustet und verkrümmt sind? Wichtig dabei ist, dass ich selber das
Reinigungsteam bin. Als hilfreich entdeckte ich die Interaktionen in der Gruppe, welche gar oft wie
ein Spiegel fungierte und mich klar erkennen liess, wo ich zB. Ablehnung und unangenehme Gefühle
entwickle. So war es u.a. der blumige und selbstgefällige Wortschwall eines Teilnehmers, der mich
nervte und gleichzeitig zum Nachdenken (Nachfühlen) führte: ich entdeckte meinen
Minderwertigkeits-Tick. Dieser Tick findet nur in MEINEM Denken statt - niemand den ich kenne
findet mich minderwertig! Aus demselben Fehl-Denken heraus entwickelte ich auch das Verhalten,
besondere Leistungen zu erbringen bis hin zum Zwang, solche erbringen zu müssen. In Wahrheit gibt
es im Universum wohl nichts, das besser oder minderwertig ist - alles hat seine Berechtigung, seinen
Sinn, so wie es grad ist. Solche Einsichten sind natürlich eine Offenbarung, doch nun gilt es, achtsam
zu sein und mein Denken immer wieder nach den naturgegebenen Tatsachen auszurichten. Dabei
helfen mir meine Gefühle, die als recht zuverlässiger Indikator zeigen, wo ich mir 'falsche'
Vorstellungen mache: immer wenn mich etwas stört, stresst oder unangenehm berührt, liegt die
Störung in meinem Denken, dessen Ergebnis als Vorstellungswelt nicht mit der realen Tatsachenwelt
übereinstimmt.
Nach der Kensanschule
Unglaublich, wie die Welt um mich herum plötzlich strahlt! Es ist, als wäre ein dunstiger Schleier
zwischen mir und meiner Umgebung entfernt worden. Mir fallen Dinge und Details auf, für die ich
zuvor offensichtlich kein Auge hatte: Die wildwüchsigen Büsche im Garten meiner Eltern, die
zwischen Wohnblocks versteckten alten Bauernhäuser an der Bahnlinie, das ferne Krähen eines
Hahns, ich staune ab den schön-interessanten Gesichtern der Pendler im Zug, geniesse den süssen
Geruch von getrocknetem Gras, entdecke das liebevolle Arrangement verstreuter Siedlungen in der
Landschaft. Ich höre, was die Kinder Interessantes zu berichten wissen, ich freue mich, wie mein
erwachsener Sohn plötzlich seinen Kummer mir anvertraut, ich bin erstaunt ab der dezenten
Einladung meiner Frau und dem höchst genussvollen Sex mit ihr. Es gelingt mir zunehmend, neue
Tagesstrukturen umzusetzen, so dass ich am Abend mit meiner Frau auf den Tag zurückblicken und
wo nötig Ordnung schaffen kann.
Ich merke aber auch, wie dies kein bleibender Zustand ist. Schon nach wenigen Tagen spüre ich
wieder Ansätze von aufkeimender Verärgerung, zB. im Strassenverkehr, wenn der vor mir einfach
nicht vorwärtsmachen will. Oder auch die Nervosität die aufkommt, wenn ich wieder zu denken
anfange, ich müsse einen riesigen Berg von anstehenden Arbeiten erledigen. Ich bin froh, nehme ich
diese Situationen bewusst als 'meine Vorstellung' wahr und versuche, die Sache also solche zu sehen.
Nach zwei Wochen
Ich fühle mich noch immer ruhig und ausgeglichen. Für die Kinder muss ich mich nicht in Geduld
üben, sondern ich habe die Geduld einfach, und ich habe Freude an ihrer kindlichen Art. Die
Momente, in denen ich nervös werde und 'hässig', nehmen allmählich zu. Es fühlt sich an als würde
ein raffinierter Bösewicht seine Tentakel nach mir ausstrecken, als wolle er mich wieder in seinen
Bann ziehen wollen. Ich bleibe aufmerksam und grosszügig auch mir gegenüber.
RS aus dem Thurgau


